Literatur: Small World – Wenn die eigene Welt immer kleiner wird

Ihr müsst wahrscheinlich denken, dass ich immer nur Bücher lese, die sich mit dem Leid der Welt befassen. Das stimmt definitiv nicht, aber meine Bettlektüre (mein Freund nennt sie liebevoll „Schundromane“) möchte ich euch dann doch nicht antun ;) Wobei, ganz nebenbei, einen Krimi, den man schnell durchlesen kann, kann ich doch empfehlen: „Siebenschön“ von Judith Winter. Der Krimi war tatsächlich nett zum Schmökern. Jetzt aber zurück zum eigentlichen Buch.

Martin-Suter-Small-World

Martin Sucker habe ich das erste Mal kennen gelernt, indem ich im Urlaub das Buch „Lila, lila“ in die Hand bekam. Es stand so ganz unschuldig in einem Tauschregal. Da ich von dem Autor bereits etwas gehört, aber noch nie gelesen hatte, griff ich zu und entdeckte so einen Autor, der sich wirklich zu lesen lohnt. Was ich an seinen Werken so schätze, ist, wie er seine Figuren zum Leben erweckt, sprachlich, manchmal auch mit einem trockenen Humor, aber gleichzeitig dem Leser klar macht, dass es sich um tragische Schicksale handelt. Ein Schicksal, das durchaus auch einen selbst treffen kann oder bereits getroffen hat. Wie auch bei „Naokos Lächeln“ musste ich gelegentlich pausieren, weil mir das Thema erstaunlich nahe ging. Und, in jedem Buch von ihm, das ich bis jetzt gelesen habe, steckt ein kleiner Krimi. So auch in diesem Werk. Und meine Neugier sorgte dafür, dass ich das Buch innerhalb eines Tages tatsächlich durchgelesen hatte.

Kurz zusammen gefasst geht es um die Hauptperson Konrad Lang. Einst in der Industriellen-Familie der treuer Begleiter des wankelmütigen und egozentrischen Sohnes, am Ende jedoch ein einsamer Mann in seiner eigenen Welt, die von Tag zu Tag schrumpft, Small World. Martin Suter zeigt die menschlichen Schwächen auf, ja, gelegentlich fühlte ich mich sogar ein wenig ertappt, doch er macht es ohne Vorwurf. Manchmal habe ich mich gefragt, ob ich nicht auch so handeln würde. Und gleichzeitig ist da die zweite Handlung, der Kriminalfall, den ich unbedingt lösen wollte.

Konrad Lang war für die Familie Koch stets eher ein nützliches Instrument, welches eingesetzt wurde, wenn der Kronsohn wieder in seinem Leben zu scheitern drohte oder in einer emotionalen Ausnahme-Situation steckte. In dem Moment sprang Konrad ein, sich stets verantwortlich fühlend, eine Stütze, doch immer nur eines: das Anhängsel und nie ein Familienmitglied. Über die Familie Koch wacht mit Argus-Augen Elvira Senn, die den Konzern aus dem Hintergrund lenkt und dafür sorgt, dass die Familienmitglieder ihre Rolle erfüllen. Als Konrad an Alzheimer erkrankt und eine Villa von ihnen in Brand setzt, ist sie zwiegespalten, Konrad fallen zu lassen oder ihn aus Pflichtgefühl weiter zu unterstützen. Konrad vergisst immer mehr aus seinem Alltag, aber seine Vergangenheit wird immer lebendiger. Elvira hat Angst, Konrad könne möglicherweise etwas ausplaudern, sodass sie sich entscheidet, ihn zu unterstützen und zu beobachten, da Konrad selbst mittellos ist. Ja, sie erhöht sogar sein Taschengeld – hofft sie doch, der Alkoholiker Konrad würde seinen Alkohol-Konsum steigern und am Ende am Alkohol sterben. Kurz kann Konrad aus dem Kreislauf mit Hilfe einer neuen Liebe entfliehen, doch schließlich werden die Alzheimer-Symptome stärker. Schließlich wird Konrad auf dem Grundstück von Elvira gepflegt, nah genug, aber doch abgeschottet, damit Elvira das Leid nicht miterleben muss.

Ich werde nicht alles verraten, daher höre ich an dem obigen Punkt auf.

Warum fühle ich mich ertappt? Auf der einen Seite leide ich mit Konrad, wie er vor seiner Krankheit flüchtet, seine kleine Welt zerbricht und er immer tiefer in ihren Sog gerät. Auf der anderen Seite kann ich die Reaktionen des Umfeldes verstehen, das völlig überfordert ist, sich abkapseln will und am liebsten keine Arbeit mit Konrad haben möchte. Wie vielen Familien mag es so gehen? Ich konnte schließlich das Buch zuklappen, doch viele nicht, haben sie stattdessen noch viele Seiten des wahren Lebens vor sich.

Ich empfehle das Buch in erster Linie nicht wegen des Alzheimer-Bezugs, wenn dieser auch sehr interessant ist. Ich empfehle das Buch, weil Martin Suter mit Worten Personen zum Leben erweckt, einen Finger in die Wunde legt, aber ich nicht das Gefühl habe, dass er dieses mit einem erhobenen Zeigefinger tut. Ich merke einfach, dass ich bei solchen Büchern auf einmal über andere Dinge nachdenke, die in meinem Alltag nicht vorkommen oder mit denen ich mich nicht bewusst auseinander setze. Und Martin Suter versteht es, eine Spannungskurve aufzubauen, sodass ich mich bereitwillig auf die Reise in Konrads Vergangenheit begab, um das Rätsel um seine Herkunft mit zu lösen.

Noch kurz die Fakten:

Autor: Martin Suter

Verlag: Diogenes

Seitenanzahl: 324

Preis: 13 €

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s