Literatur: Von wegen nur ein Auto

Heute möchte ich euch wieder ein kleines Buch vorstellen. Vom Titel her dachte ich beim ersten In-die-Hand-Nehmen eher an eine Liebesgeschichte, doch damit lag ich leicht daneben. Gefühle spielen in dem Buch zwar eine wichtige Rolle, aber Liebe ist nur eine von vielen.

mccarten-hand-aufs-herz

Von dem Autor hatte ich bis dato noch nichts gehört, daher war der Buchkauf ein Versuchsballon, um neue Autoren kennenzulernen. Und ich muss sagen, es hat sich gelohnt. Allerdings benötigte ich ein paar Seiten, um mich einzulesen, doch dann ging es in einem Rutsch.

Ich hatte vor einiger Zeit einmal von einem Wettbewerb gelesen, bei dem in Russland (?) Kandidaten ein Auto gewinnen konnten. Es gewann derjenige, der am längsten ohne Unterbrechung das Auto berührte. Solch ein Wettbewerb ist die Hoffnung vieler Menschen in dem Buch, sich aus ihrem bisherigen Leben zu befreien. Die einen möchten das Auto verkaufen, um endlich ihre Schulden zurückzahlen zu können, andere, um einen Schlafplatz zu bekommen, wiederum manche, um sich zu beweisen, dass sie auch alleine etwas schaffen können – der Gewinn des Autos wird von einem Haufen Metall zum Sinn des Lebens, ohne den es nicht mehr weitergeht. Der Wettbewerb  rückt schon nach wenigen Seiten in den Hintergrund, dafür richtet sich das Augenmerk auf die Kandidaten. Zwei Protagonisten sind Jessie und Tom. Beide Verlierer der Gesellschaft, voller Schuldgefühle, Selbstzweifel und unterdrückter Wut. Jessie, Witwe und Mutter einer behinderten Tochter, verlor ihren Mann bei einem schweren Autounfall, den ihre Tochter als einzige überlebte. Für diesen Unfall gibt sich Jessie die Schuld, flieht in tiefe Religiosität und sieht es als Buße, sich als Politesse von ihren bezaubernden Mitmenschen beschimpfen zu lassen – stets mit einem Lächeln im Gesicht. Ganz anders Tom, der sein ganzes Leben auf beruflichen Erfolg ausrichtete und doch immer wieder scheiterte. Tom nimmt kein Blatt vor den Mund, sagt, was er denkt – und glaubt, seine Mitmenschen warten nur auf seinen Rat. Neben Jessie und Tom nehmen noch zahlreiche andere Kandidaten an dem Wettbewerb teil, ein Kriegsveteran, ein Strassenjunge, ein Sohn reicher Eltern und noch viele mehr. Zunächst herrscht gnadenloses Konkurrenzdenken zwischen ihnen, doch mit fortschreitender Stunde nimmt die Menschlichkeit zu, die positiven Gefühle haben wieder Platz und gemeinsam kämpfen sie um dieses Auto. Immer noch möchte jeder sein Leben ändern, aber nicht mehr um jeden Preis.

Zunächst habe ich mich gefragt, wie man denn um so ein profanes Auto derart kämpfen kann. Doch da ging es mir wie den Protagonisten: Ich habe mich zunächst nur auf das Auto konzentriert, doch mit jeder Seite schweifte mein Blick weg vom Auto und hin zu den Menschen, die an ihre Grenzen gingen, nicht nur für sich, sondern auch für andere. Und jeder ging mit seinen persönlichen Niederlagen anders um und kämpfte am Ende doch „nur“ um Anerkennung und Sicherheit. Diesen Kampf sehen wir momentan auch in der Realität. Und wie in dem Buch lese ich täglich auch von emotionalen Grenzen, die sich bewegen. Ich lese von Angst, die sich bei jedem anders äußert. Ich lese von persönlichen Grenzen, die einen irgendwann zum Aufgeben zwingen, weil der Körper nicht mehr mitmacht. Ich lese von Selbstschutz, den andere nicht sehen (können), weil sie in eine andere, nicht falsche, Richtung schauen. Letztendlich schafften die Kandidaten in dem Buch den Wettbewerb nur durch ein Miteinander, jeder ging an seine Grenzen, aber nicht über seine Grenzen – wenn die Grenzen aber auch mitunter ein wenig bewegt wurden. Dieses Buch hat mir ein bisschen Mut gemacht, weil ich hoffe, dass wir momentan auch solch einen Prozess durchmachen, Emotionen durchleben, Grenzen austesten, Grenzen neu definieren und über Grenzen – nicht nur räumliche – diskutieren. Meine Hoffnung ist, dass dieser Diskurs nicht die Opfer wie in dem Buch fordert, glaube aber, dass nicht offen über Ängste gesprochen wird. Hätten Jessie und Tom offen über ihre Gefühle gesprochen, ohne den anderen für diesen automatisch zu be- oder verurteilen, wäre manch eine Konfrontation sanfter ausgefallen.

Noch kurz die Fakten:

Autor: Anthony McCarten

Verlag: Diogenes

Seitenanzahl: 320

Preis: 10,90 €

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s