Literatur: Leiden wie ein Hund – Wassermann von Yoram Kaniuk

Den Spruch sagt man zwar gelegentlich, aber in diesem Buch wird er Wirklichkeit. Das Buch habe ich vor ungefähr 15 Jahren geschenkt bekommen. Offiziell ist es ein Jugendbuch, aber erst jetzt als Erwachsene fallen mir gewisse Details in dem Buch auf, die ich früher nicht wirklich wahrgenommen und/oder verstanden habe.

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Ein zentrales Thema in dem Buch ist das Leben der Menschen nach dem Holocaust und das Zusammentreffen mit den Generationen danach. Immer wieder taucht dieses Motiv auf und zeigt die Konflikte, mit denen die Kriegsgenerationen zu leben haben. Diese Konflikte sind übrigens ein Thema in dem Buch, das ich erst jetzt so richtig bewusst gelesen habe.

In dem Buch geht es um die Talia, die im in Tel Aviv mit ihren Eltern lebt. Sie hat ein Herz für Tiere und unterscheidet in ihrer Liebe nicht zwischen Mensch und Tier. Eines Tages trifft sie auf einen Hund, der sich schwer verletzt zu ihr schleppt. Er wurde misshandelt, geschlagen, verbrannt, sein ganzes Leben gedemütigt. Talia taufte ihn Wassermann, nach einem ehemaligen Arzt aus der Nachbarschaft. Mit viel Liebe, Ausdauer und Hingabe schafft es Talia, Wassermann am Leben zu erhalten. Durch Zufall findet Talia heraus, dass Wassermann singen kann. Wenn er eine Melodie hört, „singt“ er mit. Auf einmal wird Wassermann berühmt und sein ehemaliger Besitzer taucht wieder auf, um Wassermann erneut zu sich zu holen.

Auch in diesem Buch werden eigentlich mehrere Themen angeschnitten und zentral sind die Charaktere mit ihren Konflikten. Die Eltern von Talia sind schwer beschäftigt mit ihren eigenen Problemen: Ihr Vater hadert mit der Welt, nach einem Unfall sieht er die Farben anders und drückt dieses Sehen in seinen Bildern aus. Leider erhält er keine Anerkennung und diese Wut und Enttäuschung lässt er an seinem Umfeld aus. Nebenbei versinkt er im Selbstmitleid und vergisst dabei, dass auch andere Menschen ihr Päckchen zu tragen haben. Talias Mutter hat einen Tick – sie wäscht sich stundenlang die Haare und versucht so, den schwierigen Momenten mit ihrem Mann zu entgehen. Und Talia bleibt übrig, ein kleiner Einsiedler, als einzigen Freund Gigi, das Zahlengenie. Talie schenkt ihre Liebe den Tieren und ist für ihr Alter erstaunlich reif. Erkennt Konflikte, die ihre Eltern ignorieren oder nicht wahrhaben wollen. Aber dann ist da noch Herr Josef, ein Holocaust-Überlebende, der Tag ein Tag aus seine Familie sucht. Seine Nachbarn halten ihn für verrückt, nur Talia sucht den Kontakt zu ihm und wird seine Ersatztochter.  Ich glaube, Herr Josef hat mich besonders berührt. Das ganze Buch ist ohne Vorwurf geschrieben, im Gegenteil, geht auch teilweise kritisch mit dem Thema Vergangenheitsbewältigung und Schuld um. Doch Herr Josef, der überall nachschaut, auch in Stromkästen, zeigt in aller Deutlichkeit und dennoch mit drastischer Einfachheit den Verlust, den diese Menschen erlitten haben. Ein Verlust, der auch nach Jahrzehnten schmerzt und niemals aufhört und das Leben bestimmt. Ich habe leider keine Angehörigen mehr aus der Generation, die ich noch fragen könnte. Aber ich weiß, dass meine Oma zu ihren Lebzeiten nie über das Kapitel sprechen konnte und wollte. Bei Filmen verließ sie den Raum, von ihren Erfahrungen berichtete sie nie. Wäre ich in der Schule, würde ich in einer Interpretation schreiben, Yoram Kaniuk sehe in Wassermann sein Volk, geschlagen, fast getötet – und dennoch überlebt, aber das Vertrauen in die Menschen verloren. Doch vielleicht überinterpretiere ich auch ein wenig? Das habe ich mich schon damals immer gefragt, wenn mein Lehrer mir genau sagen wollte, was Goethe & Co sich beim Erstellen ihrer Werke dachten.

Als ich noch Schüler war, fiel es mir schwer, solche Bücher zu lesen. Ich hatte das Gefühl, es ging vor allem um Schuld, um „das darfst du nicht vergessen!“. Wenn ich ehrlich bin, ich war damit überfordert. Als Kind habe ich die Geschichte um den Hund gelesen, die anderen Details nicht – ich habe sie schlichtweg nicht verstanden und konnte sie überhaupt nicht einordnen. Aus dem Grund kann ich das Buch auch ohne Zögern Erwachsenen empfehlen. Nicht, weil wir so viel schlauer sind, auch Kinder nehmen intuitiv sehr viel wahr, viel mehr, als wir oftmals glauben. Aber ich merke, dass ich mehr Facetten wahrnehme, ich nicht nur dieses Schuld-Thema sehe, sondern auch die Konflikte auf beiden Seiten.

Kurz die Fakten

Autor: Yoram Kaniuk

Verlag: Alibaba

Seiten: 135

Preis:???

Das Buch wurde scheinbar nicht neu aufgelegt, aber es gibt bei amazon noch ein paar wenige Exemplare.

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