Literatur – Auf dem Weg nach Santiago de Compostela

Lang, lang ist her mit meiner letzten Buchrezension. Es ist nicht so, dass ich derzeit nicht lese, sondern dass ich es  einfach zeitlich nicht hinbekomme, eine Rezension zu schreiben. Jetzt aber, die kleine Bazzzille ist pappsatt (und deswegen friedlich), also schnell Laptop geschnappt und ich versuche mein Glück.

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Als Fan historischer Romane habe ich so ein paar Autoren, die ich immer wieder gerne lese, weil sie in ihren Büchern so eine gewisse Konstanz aufweisen, sprich, in der Regel kommt es nicht zu bösen Überraschungen. So ist es bei Iny Lorentz. Dieses Mal wurde es das Buch Die Pilgerin.

Wir befinden uns im 14. Jahrhundert in der Reichsstadt Tremmlingen. Tilla, ein Tochter aus einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie, ist dem ältesten Sohn eines befreundeten Kaufmanns versprochen – wie es eben so üblich ist. Doch dann stirbt ihr Vater und ihr ältester Bruder übernimmt das Regiment. Damit soll sich alles in Tillas Leben ändern. Die Verlobung wird aufgelöst und stattdessen wird Tilla mit einem Geschäftspartner verheiratet. Dieser hatte erst kürzlich seine schwangere Frau verloren und ist dafür bekannt, auch mit der Rute nicht zu geizen.  So muss auch Tilla Gewalt erfahren – ein trostloses Leben droht. Doch Tilla flieht verkleidet als Mann, um den letzten Wunsch ihres Vaters zu erfüllen: eine Pilgerreise nach Santiago de Compostela. Tilla schließt sich einer Pilgertruppe an und lernt auf ihrem Weg nicht nur, dass das Äußere trügen kann, sondern auch, wie wichtig das Miteinander ist.

Das, was ich an den Büchern schätze, ist wiederum auch ein kleines Manko: Die Themen sind eben doch ähnlich mit einer Protagonistin, die, regelmäßig als Mann verkleidet, auf eine gefährliche Reise geht oder sich in ein anderen Abenteuer stürzt. Wirkliche Überraschungen gibt es nicht, die Handlung ist doch etwas vorhersehbar. Auf der anderen Seite ist der Plot schlüssig, die Geschichte abwechslungsreich, gut geschrieben und damit entspannt zu lesen. Daher kann ich das Buch auch empfehlen, wenn es einfach mal etwas „Seichtes“ sein soll, was nicht abwertend gemeint ist.

Du findest die Autorin regemäßig im Angebot auf Büchertischen, da decke ich mich auch stets ein.

Literatur: Einmal in andere Welten eintauchen

Ich liebe es ja, in andere (literarische) Welten einzutauchen, sei es im Genre Fantasy oder Science Fiction oder irgendetwas dazwischen. Gerne probiere ich dann neue Autoren durch, beginne mit ersten Teilen von Serien und teste auch einmal neue Themengebiete. So bin ich ja ein großer Fan von Marion Zimmer Bradley, die ich mit ihrem Darkover Zyklus zwischen Science Fiction und Fantasy ansiedeln würde, wollte aber nun auch einmal woanders meine Fühler hin ausstrecken. So landete ich beim Autoren Markus Heitz und seinem Ulldart Epos. Der erste Teil heißt Schatten über Ulldart und führt den Leser in die Welt Ulldart ein.

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Kurz bevor er qualvoll stirbt, prophezeiht ein Mönch Tod und Zerstörung, die Dunkle Zeit drohe wiederzukehren. Von der Dunklen Zeit erfährt der Leser stets Bruchstücke vor jedem weiteren Kapitel mit einem Blick in die Geschichte Ulldarts: Es herrschte Krieg, Blut floss in Strömen und Terror begleitete die Menschen.

Jahre später versuchen die Berater aus Lodrik, verwöhnter, wehleidiger und völlig überdimensionierter Sohn des Herrschers, einen würdigen Nachfolger zu formen. Vergeblich. Kekse statt Politik, volle Teller statt Reitunterricht und stets nah am Wasser gebaut ist Lodrik alles, aber nicht für das Prinzsein geeignet. Dies sieht auch sein Vater und ist kurz davor, seinen Sohn in einen dunklen Kerker zu stecken und im Notfall irgendjemanden von der Straße aufzusammeln, damit dieser die Geschäfte eines Tages übernimmt. Aber eine letzte Hoffnung hat der Herrscher, aus seinem Sprössling noch einen zukünftigen Herrscher zu machen: Lodrik wird ikognito als Gouverneur in eine nördliche Provinz geschickt, um das Regieren zu lernen – und mit ihm seine Berater, die ihn nicht nur im Staatslenken unterrichten sollen, sondern auch körperlich fit machen sollen und das weibliche Geschlecht versuchen schmackhaft zu machen.

An diesem Buch gefielen mir an erster Stelle der Humor, mit denen die Charaktere agierten und mit dem der Autor auch so manche Situationen beschrieb. Ich musste tatsächlich häufiger lachen, was bei Büchern bei mir selten vorkommt. Es war weniger albern, als teilweise eher die Ironie oder die absurden Situation, die ich komisch fand. Dann waren mir auch die Personen unheimlich sympathisch. Sie leben von ihren Gegensätzen, ihrer Entwicklung und ja, auch manchmal ein wenig von Plattitüden, doch das darf auch ab und zu sein. Die Handlung plätscherte nicht nur so dahin, sondern war kurzweilig und es machte Spaß, die Welt weiter zu entdecken und die Personen weiter kennenzulernen. Gut, manchmal kämpfte ich mit den eigenwilligen Namen, aber das ist ja häufiger bei Fantasy der Fall.

Eine klare Leseempfehlung und ich werde auch die Serie weiter verfolgen. :)

 

 

Literatur: Die Laster der Adligen

Heute stelle ich dir den zweiten Teil aus der Serie um Sebastian St. Cyr vor. Der Krimi spielt im historischen London, ist also ein klassischer Detektivroman. Ich habe inzwischen auch die Rückmeldung erhalten, dass es derzeit keine deutsche Übersetzung gibt, plane aber, einmal beim Verlag anzufragen, ob dies denn geplant sei. Denn ich bin ein wenig überrascht, dass diese Serie noch nicht übersetzt worden ist.

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Wenn du etwas mehr zu den Charakteren als Einleitung lesen möchtest, dann wirst du hier (*klick*) fündig. An der Stelle habe ich über den ersten Teil der Serie geschrieben und bin auch auf die Protagonisten weiter eingegangen. Dann mein obligatorisches Nachdenken, ob es notwendig ist, den ersten Teil zu lesen. Hier schwanke ich ein wenig. Also, der Kriminalfall geht sehr gut ohne Vorwissen, jedoch werden Themen und Konflikte aus dem ersten Band aufgegriffen und weiter entwickelt, sodass ich dieses Mal empfehle, lieber auch den vorherigen Band zu lesen. Sonst geht doch einiges an Details verloren, was auch die Kriminalfälle bereichert.

Eigentlich hatte sich Sebastian St. Cyr geschworen, mit Mordfällen nichts mehr am Hut zu haben. Nicht nur, dass er dabei das eine oder andere Mal sein Leben riskieren musste, so empfand er auch das Schauen in die menschlichen Abgründe als so belastend, dass er dieses nie wieder erleben möchte. Ja, eigentlich. Leider meinte das Schicksal es anders und ehe er sich versah, schlitterte er doch wieder in den nächsten Mordfall: Der Prinzregent, von vielen hinter vorgehaltener Hand „Prinny“ genannt, ist für sein ausschweifendes Leben bekannt. Er interessiert sich eher für die neuesten Klamotten als für Politik, auch hat er eine Neigung, sich Damen auszuwählen und diese nicht selten einzuladen. Doch dieses Mal geht etwas schief, die Dame, die er im Nebenzimmer umarmen wollte, stellt sich als Leiche heraus. Ein Dolch ragt noch aus ihrem Rücken und das Drama ist groß – wird doch nun der Prinzregent eines Mordes verdächtigt. Auch an dieser Stelle könnte Sebastian St. Cyr entspannt bleiben, wenn die verschiedene Dame nicht die Halskette seiner verstorbenen Mutter umgehabt hätte. Und so war der junge Gentleman wieder mitten drin im Mordfall und versucht nicht nur, den Mörder dingfest zu machen – was wieder mit einigen Gefahren einhergeht und mit wichtiger Politik zu tun hat – sondern Sebastian versuch zudem, mehr über seine Vergangenheit und seine Mutter herauszufinden.

Auch der zweite Teil lohnt sich. Der Leser erfährt mehr über Sebastian und seine Familie, sondern auch der Mordfall ist spannend. Ich mag zudem auch die Charaktere, die bereits im ersten Teil vorkamen und nun sich weiterentwickeln und mehr über sich verraten. Das Englisch ist gut zu lesen und die Bücher haben eine angenehme Dicke. Der dritte Teil liegt bereits auf meinem Nachtisch, leider aber in gebundener Form und damit deutlich schwerer als die praktischen Taschenbücher. Doch ich will nicht meckern, ich bin froh, noch ein relativ kostengünstiges Exemplar ergattert zu haben und da ist dann auch die gebundene Version in Ordnung. Denn irgendwie, so ist meine Erfahrung, sind die ersten Teile mancher Serien wirklich schwer zu bekommen bzw. in Preisregionen angesiedelt, wo ich teilweise nur mit den Kopf schütteln kann. Es handelt sich dann um „Sammlerexemplare“ mit „Sammlerpreisen“, die mir dann doch etwas zu teuer sind. Ich kann da gewisse Auktionshäuser nur sehr empfehlen oder auch online Antiquariate, wenn du ebenfalls Sebastian St. Cyr bei seinen Ermittlungen begleiten möchtest.

Literatur: Ein dicker Schmöker für Mittelalter-Fans

Ich habe mal wieder einen dicken Schinken durchgelesen, der viel zu schnell vorbei war. Am Anfang denke ich stets „Ganz schön dick“ und am Ende wundere ich mich stets, wo denn all die Seiten geblieben sind.

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Das Buch Das Licht der Welt ist die Fortsetzung von dem historischen Roman Das Salz der Erde (*klick*). Auch der erste Teil ist sehr zu empfehlen. Nicht unbedingt, um die Handlung zu verstehen, sondern weil auch der erste Teil inhaltlich gut ist und es mir viel Spaß machte, diesen durchzulesen.

In dem zweiten Band findest du Figuren aus dem ersten Band wieder, aber tatsächlich ist es nicht notwendig, die Handlung aus dem ersten Band zu kennen. Hin und wieder kommt eine Anspielung und ich persönlich finde es spannend, die Charaktere zu begleiten durch die Bücher, doch es geht auch ohne Vorwissen.

Wir befinden uns im Mittelalter in der Handelsstadt Varennes-Saint-Jaques, der Handel blüht und die Stadt wächst und gedeiht. Im Mittelpunkt stehen der Kaufmann und Bürgermeister Michel Fleury, der inmitten von Kriegen seine Stadt zu Wohlstand und Frieden führen möchte, der Buchmaler Rémy Fleury, der von einer Schule für jedermann träumt und die junge Patrizierin Philippine, die versucht, aus ihrem alten Leben auszubrechen. Alle drei kämpfen für ihre Träume und haben erbitterte Gegner, die alles daran setzen, die Träume zu zerstören.

Wenn du Rebecca Gablé magst, ist dieses Mittelalter-Epos ein interessantes weiteres Werk aus dem besagten Zeitalter. Es lässt sich super durchzulesen, es gibt diverse Handlungsstränge, mir liebgewonnene Charaktere und interessante Wendungen. Eine kurzweilige Unterhaltung über mehrere Hundert Seiten, auf denen mir nicht einmal langweilig geworden ist. Und ich hoffe ja noch ein einen dritten Band, muss ich gestehen ;).

Literatur: Über die Freiheit, etwas nicht zu dürfen

Gelegentlich wage ich mich auch an schwere Brocken bei Literatur, aber wirklich wohl dosiert, weil derartige Bücher bei mir eine Mischung aus Entspannung und „Arbeit“ darstellen. Nicht im Sinne von „sich überwinden“ und „Zwang“, sondern ich pausiere häufiger, denke mehr über das Geschriebene nach, lese manche Passagen zweimal oder auch ein drittes Mal. Dann brauche ich auch deutlich länger für meine Lektüre.

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Also, ich bin ein großer Fan von Dystopien. Ich finde es einfach interessant, wie sich andere Menschen Gesellschaften vorstellen und oftmals ist es für mich erschreckend, wie viel ich in der heutigen Zeit aus den Dystopien wiederfinde. Und das, obwohl sie vor Jahrzehnten geschrieben worden sind in einer Zeit, in der vieles noch reine Phantasie oder Zukunftsmusik war. Ja, und aus den Ideen oder Ängsten wurde leider so manches Mal Realität.

Heute möchte ich dir die Dystopie Der Report der Magd von der kanadischen Autorin Margaret Atwood vorstellen. Sie hat dieses Jahr auch den Friedenspreis des Buchhandels erhalten, es ist aber Zufall, dass ich vorher zu dem Buch gegriffen hatte. Normalerweise orientiere ich mich weniger an derartigen Auszeichnungen, weil ich diese nicht selten als sehr politisch empfinde und ich meine Buchauswahl in den meisten Fällen nach meinen Interessen ausrichte.

Ich weiß gar nicht richtig, wo ich anfangen soll, weil ich seitenlang über dieses Buch schreiben könnte, weil da so viele Themen und Ideen waren, die mich beschäftigt haben. Aber ich versuche einmal, mich ein wenig zu sortieren.

Das Buch ist ein Report/Tagebuch von der sogenannten Magd Desfred. Geschrieben ist es aus der Ich-Perspektive, sodass dadurch der Blickwinkel eingeschränkt ist und ich als Leser nur das erfahre, was auch Desfred erlebt hat und weitergeben kann. Es fällt mir etwas schwer, die Handlung zeitlich einzuordnen, weil ich stets nur Bruchstücke erfahre und es ein großes Puzzle ist, bei dem ich teilweise auch erst zum Ende des Buches wichtige Details erfahre. Lt. Klappentext spielt die Geschichte Ende des 20. Jahrhunderts und wir sind in Nordamerika. Es herrscht offiziell Krieg und in der Vergangenheit muss es auch zu Unfällen mit Kernenergie gekommen seid. Dies hat zur Folge, dass die Geburtenrate eingebrochen ist und auch viele Kinder entweder nicht lebensfähig auf die Welt kommen oder teilweise Hybride zwischen Mensch und Tier sind. Durch Desfred und ihre Rückblenden erhalte ich noch mehr Informationen: Sie lebte, bevor die Republik Gilead gegründet worden ist, ein normales Leben einer jungen Frau. Die Veränderungen kamen teilweise schleichend, teilweise aber auch abrupt. Regierungsgegner richteten ein Blutbad an und übernahmen die Macht. Auf einmal wurde ihr Konto gesperrt und nur noch ihr Partner durfte über das Geld bestimmen. Der nächste Schritt war, dass Desfred, deren richtigen Namen ich nicht erfahren habe, gekündigt worden ist und Frauen nicht mehr arbeiten durften. Und so wurde nach und nach ein System installiert, in der die Menschen, aber in erster Linie die Frauen, auf ihre biologischen und auch gesellschaftlichen Funktionen reduziert wurden. Die Mägde waren körperlich gesunde Frauen, die ihren Körper für die Zucht von Kindern zur Verfügung stellten. Sie wurden in Camps trainiert (eher indoktriniert) und dann temporär in Familien untergebracht, um dort mit dem Hausherrn ein Kind zu zeugen. Dessen Ehefrau war in diesem Fall nicht in der Lage, selbst ein Kind zu gebären und musste diesen Umstand akzeptieren. Wollte eine Magd aus dem System ausbrechen, stand auf dem Verrat Folter, aber auch die Todesstrafe, die als „Errettung“ bezeichnet wurde.

Bei den Machthabern  von Gilead handelt es sich um eine Sekte, die das System mit der Bibel begründen, jedoch auch Passagen umänderten oder hinzufügten. Da die Frauen nicht lesen durften, hatten sie auch keine Möglichkeit, sich kritisch mit dem System auseinander zu setzen. Und das System lebt gut, nicht nur wegen der mächtigen Männer, sondern weil auch viele Frauen das System unterstützten und für eine interne Kontrolle sorgen. Ja, teilweise gehen die Frauen härter mit ihren Geschlechtsgenossinnen um als ihre männlichen Pendants.

Neben den Mägden gibt es weitere Rollen, so die Schwestern in den Ausbildungszentren, die die Mädge erzogen und für ihre wichtige gesellschaftliche Rolle vorbereiten sollten. Im Haushalt eines Kommandanten lebte jedoch nicht nur eine Magd, sondern auch Dienerinnen und eben die Ehefrau. Es gibt auch jedoch noch zwei weitere Klassen Frauen, die Jesebels, die als Prostituierte für die mächtigen Männer arbeiteten und die Unfrauen, die beispielsweise körperliche Defizite aufweisen und von der Fortpflanzung ausgeschlossen sind. Von den Männern ist nicht so viel bekannt, jedoch ist es auch ihnen nicht gestattet, einfach eine Familie zu gründen. Fortpflanzung ist ein Politikum, keine private Entscheidung.

Dies erst einmal zu den gesellschaftlichen Strukturen. Wie oben schon angeklungen hat mich vieles bewegt und ich saß so manches Mal still in meiner Leseecke und musste alles ruhig durchdenken. Denn ja, vieles, was hier überspitzt dargestellt wird, ist leider nicht nur eine reine Fiktion, sondern lässt sich in unterschiedlicher Ausprägung auch in modernen Gesellschaftsformen heutzutage finden. Das Buch wurde 1985 geschrieben, ist also nicht erst heute entstanden.

Damit mein Blogbeitrag nicht zu lang wird, habe ich mir ein paar Themenblöcke herausgegriffen, weil sie für mich so prägnant sind. Ein wichtiges Thema ist die Sexualität: Auf der einen Seite wird die Sexualität aus der Öffentlichkeit verbannt. Frauen haben verschleiert zu sein (Desfred trägt eine rote Robe als Magd mit Gesichtsschleier und „Flügeln“, die sie daran hindern, nach rechts und links zu gucken), jedes Zentimeter Haut gilt als Sünde, unrein, als Provokation und wird mitunter hart sanktioniert. Letztendlich soll die Frau geschlechtslos sein. Vergewaltigungen, die es dennoch gibt, werden in den meisten Fällen der Frau zugeschrieben, sie sei schuld gewesen, dass man(n) sich an ihr vergriffen hat. Auf der anderen Seite ist die Fortpflanzung ein zentrales politisches Element und es ist völlig legitim, dass Frauen ihren Körper zur Verfügung stellen, um gesellschaftlich wichtigen Personen ein Kind zu gebären. Es ist eine Industrie, die jeder akzeptiert. Und auch die Existenz der Jesebels, der Prostituierten, wird akzeptiert als Notwendigkeit, weil Männer nun einmal ihre Bedürfnisse haben. Diese Form von Doppelmoral war für mich mitunter nur schwer erträglich, die Instrumentalisierung der Frau, die moralische Bewertung der Frau und oftmals deren Verurteilung.

Ein weiteres Instrument in der Gesellschaft ist die Errettung. Unter dem Begriff sind schlichtweg Hinrichtungen von Verbrechern, politischen Gegnern oder anderen Personen zu verstehen, die nicht zum System passten. Wurden zu Beginn der Republik noch deren Taten öffentlich verlesen, nimmt man davon am Ende Abstand – schließlich möchte man die Bevölkerung ja nicht motivieren, diese Verbrechen nachzuahmen. Eine Steigerung der Errettung sind die Hinrichtungen durch die Mägde. Viermal im Jahr dürfen sie einen Mann lynchen, der sich nach offizieller Verlautbarung an einer Frau vergangen hat oder ein anderes Verbrechen begangen hat.

Warum habe ich die Überschrift zu diesem Beitrag gewählt? Weil diese Formulierung das wiedergibt, was mich schon lange vor dem Buch beschäftigt hat, ich jedoch nicht in Worte fassen konnte. In den Umerziehungslagern hat eine der Schwestern die Änderungen so beschrieben, dass die Frauen nun nicht mehr die Freiheit zu etwas hätten, sondern endlich die Freiheit von etwas hätten. Man hat also für sie entschieden, welche Freiheit sie noch haben – und verkauft diese Entscheidung als die eigentliche Freiheit. Die Frauen wurden befreit von der ausgelebten Sexualität, nun sind sie geschützt. Die Frauen sind befreit von Ehemännern, die fremdgehen, nun ist es entweder staatlich verordnet, heimlich im Puff oder aber nicht mehr existent. Die Frauen sind befreit, sich für Kinder zu entscheiden. Entweder sie müssen oder sie dürfen nicht, nur ganz wenige Frauen dürfen noch frei über ihren Körper entscheiden.

Du siehst, dass mich das Buch sehr beschäftigt hat und wenn dich das Thema interessiert, dann kann ich das Werk wirklich nur empfehlen. Es ist seit Monaten eines der Bücher, das mich am stärksten bewegt hat.

Literatur: Von Edelleuten mit dunklen Geheimnissen

Auf der Suche nach Nachschub in Sachen historischer Krimi bin ich auf die Serie um Sebastian St Cyr gestoßen. Natürlich hatte ich mir wieder einmal irgendeinen fortgeschrittenen Band gekauft und musste dann erst einmal recherchieren, wie der erste Teil lautet. Denn meine Erfahrung ist, dass ich doch gerne in der richtigen Reihenfolge lese und so alle Anspielungen in den Büchern verstehe, die zwischendurch gemacht werden.

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Also, das Buch gehört zu meinem Lieblingsgenre, dem historischen Krimi in London des 19. Jahrhunderts. Also noch keine technischen Finessen wie heutzutage, sondern die Ermittler sind zu Kutsche unterwegs und ermitteln auf alte Art und Weise. Die Gesellschaft ist gespalten zwischen Bürgertum und Arbeitervolk, oftmals bewegen sich die Ermittler in beiden Welten, was ich besonders spannend finde.

Die Geschichte beginnt mit einem brutalen Mord einer Schauspielerin in einer Kirche. Sie wurde nicht nur getötet, sie wurde praktisch hingerichtet und geschändet. Schnell fällt der Verdacht auf den jungen Aristokraten Sebastian St. Cyr: Ein Sprössling aus gutem Hause, kriegserfahren, jungen Damen und aufregenden Duellen nicht abgeneigt – und zu allem Unglück werden am Tatort auch noch Duellpistolen mit seinen Initialen gefunden. Damit ist der Fall für die Öffentlichkeit gelöst, der junge Aristokrat soll hängen und auch den oberen Politkern passt es gut. Allerdings ist Sebastian anderer Meinung und kann sich seiner Verhaftung entziehen. So beginnt für ihn auf seiner Flucht die Suche nach dem eigentlichen Mörder. Dabei trifft auf Menschen und Orte, die er vorher nicht als edler Gentleman betreten hätte, und eine spannende Jagd auf den eigentlichen Mörder beginnt.

Für mich ist schon einmal wichtig, dass ich gut in ein Buch hereinfinde. Nichts ist schlimmer, als wenn ich mich durch die ersten Seiten quäle und hoffe, dass ich irgendwie noch meinen Lesefluss finde. Dies war bei dem Buch überhaupt kein Problem. Die ersten Szenen sind humorvoll und die Charaktere werden vorgestellt. Und der junge Herr war mir gleich sympathisch. Auch sein „Gegner“, der ermittelnde Chief Magistrate Sir Henry Lovejoy ist ein kritischer Zeitgenosse, der gerne seine eigenen Chefs in Frage stellt und Ermittlungen auf eigene Faust anstellt.

Außerdem ist das Englisch gut zu verstehen, der Schreibstil angenehm, sodass der „äußere Rahmen“ passt. Da muss ich mich bei Anne Perry eher an den Slang gewöhnen und brauche ein paar Momente. Insgesamt mag ich die Protagonisten. Es sind keine außergewöhnlichen Charaktere, es wird auch mit dem einen oder anderen Cliché gespielt, aber die Personen haben dennoch eine gewisse Tiefe. Angenehm finde ich auch, dass es Konflikte zwischen den Charakteren gibt, die (ja, darauf stehe ich) dem damaligen Zeitalter geschuldet sind: Standesdenken, starre Rollenbilder und damit verbunden Erwartungen an die Geschlechter und Positionen. Ich mag es, wenn Individuen aus der Rolle fallen und auch Gegebenes in Frage stellen.

Das Buch What Angels Fear hat eine gute Länge mit 410 Seiten. Ich muss gestehen, dass ich keine deutsche Übersetzung gefunden habe und ich mich daher frage, ob diese (noch) nicht vorliegen. Falls du zufällig die deutschen Titel kennst bzw. mehr Infos weißt, freue ich mich über einen Kommentar (wobei ich mich immer über Kommentare freue :) ).

Und noch ganz kurz in eigener Sache: Derzeit habe ich nur einen „Not-Bastelplatz“, daher komme ich deutlich weniger zum Basteln als sonst und habe auch nicht meine sämtlichen Vorräte auf Lager. Daher wundere dich bitte nicht, wenn es derzeit meistens einen Bastelbeitrag pro Woche gibt und häufiger Bücher auftauchen. Momentan ist mein Alltag etwas weniger planbar, ich versuche aber das Beste draus zu machen, auch in kreativer Hinsicht ;).

Literatur: Der Stumme Schrei & Sammelbestellung heute 18h

Heute gibt es wieder einen Beitrag zum Thema Literatur. Ok, das klingt ein wenig hochtrabend nach Grass, Mann oder anderen berühmten Kollegen. Ich habe mich wieder mit meinem Lieblingsgenre beschäftigt, nämlich dem historischen Krimi im viktorianischen Zeitalter.

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Eine Autorin, die ich dabei sehr gerne lese, ist Anne Perry. Wenn du nach Anne Perry auf meinem Blog suchst, findest du weitere Bücher, über die ich geschrieben habe. Von ihr stehen zwei Serien in meinem Regal, die Serie um Inspector Pitt und um das Trio Privatdetektiv Monk, dem Anwalt Rathbone sowie  der Krankenschwester Hester.  Beide Serien kann ich empfehlen, lese derzeit aber hauptsächlich letztere und stelle dir das Buch The Silent Cry vor.

Eine wichtige Frage bei einer Serie: Muss ich alle Teile vorher gelesen haben? Es kommt drauf an. Die Serie lebt von zwei Dingen, zum einen von der Beziehung zwischen den drei Protagonisten  und zum anderen von den Kriminalfällen und auch deren oftmals ernsten gesellschaftlichen Hintergrund, ohne dass die Autorin mit dem erhobenen Zeigefinger herumwackelt. Für die Beziehung zwischen den Dreien kann ich die Reihenfolge wärmstens empfehlen, weil es Anspielungen und Rückblenden gibt. Für die Kriminalfälle jedoch ist die Reihenfolge nicht wirklich notwendig, wenn aber auch nicht hinderlich. Ein bisschen mehr zu den drei Hauptpersonen habe ich hier (*klick*) geschrieben.

Ein Verbrechen ist geschehen. Im Armenviertel St Giles werden zwei Gentlemen aufgefunden, einer tot, der andere schwer verletzt. Es handelt sich um den ehrenwerten Leighton Duff und seinen Sohn Rhys. Rhys ist nicht nur körperlich schwer verwundet, sondern auch seelisch, so hat er seine Stimme verloren und ist nicht mehr in der Lage, über den Vorfall zu sprechen. Hester, die impulsive Krankenschwester, wird deswegen beauftragt, Rhys zu pflegen und ihn vor zu aufdringlicher Polizei zu schützen. Unabhängig davon  wird Privatdetektiv Monk gebeten, verschiedene Fälle brutal misshandelter und vergewaltigter Frauen in dem besagten Armenviertel aufzuklären. Mit der Zeit stellt sich die Frage, ob die verschiedenen Kriminalfälle zusammenhängen und nicht die Gentlemen ihre Hände bei den Vergewaltigungen im Spiel hatten.

Das Buch hat mich bewegt, dies hätte ich nicht erwartet. Vor allem Wut hatte ich im Bauch. Denn während der Ermittlungen wurde immer wieder deutlich, dass letztendlich die brutalen Vergewaltigungen von der Mehrheit der Bevölkerung nicht als Verbrechen wahrgenommen werden, sondern als verdient, als Strafe für Frauen, als notwendiges Übel. Selbst die Polizei konzentriert sich auf den Mord und erst mit der Zeit spielen auch die Vergewaltigungen eine Rolle (die jedoch niemals in einem Verfahren als Verbrechen akzeptiert werden würden). Da musste ich in der Tat das eine oder andere Mal durchatmen. Es kommt zudem zu spannenden Wendungen und ich selbst bin ein Fan von der klassischen Polizeiarbeit, als es noch keinen genetischen Fingerabdruck gab, sondern auf herkömmliche Weise ermittelt wurde. Außerdem mag ich die Kontraste in den Geschichten zwischen dem Bürgertum und den Arbeitern, weil da Welten und Ansichten aufeinanderprallen.

Die Sprache ist mitunter gewöhnungsbedürftig, da bei den einfachen Leuten auch im Slang geschrieben wird wie „No ’e in’t“ oder „‘E used ter be“.  Doch nach ein paar Seiten habe ich mich dran gewöhnt und natürlich gibt es auch die deutsche Version zum Buch, der Titel lautet Stilles Echo. Wenn du historische Krimis magst, gerne auch spezielle Charaktere, dann kann ich dir das Buch und die Serie um William nur sehr empfehlen.