Literatur: The Man Who Mistook His Wife for a Hat – Oliver Sacks

Heute stelle ich euch ein Buch vor, das ich die letzten Wochen peu à peu gelesen habe. Um genau zu sein, habe ich fast jeden Abend eine der Kurzgeschichten gelesen.

Oliver-Sacks

Ich muss leider etwas kurz ausholen, wie ich zu dem Buch gekommen bin: In meinem Freundes- bzw. Bekanntenkreis wird vermutlich manchmal schon im stillen Kämmerlein gedacht, dass ich einen Krankheitsfetisch habe. Und wenn man mich rein vom Verhalten beobachtet, könnte man fast zu dem Schluss kommen: Ich schaue mir Operationen bei Youtube an, recherchiere über Krankheiten, verschlinge Berichte oder interessiere mich für Krankheitsverläufe. Daher habe ich darüber nachgedacht, warum ich so handle und fand für mich tatsächlich eine Erklärung: Mich interessiert weniger die Krankheit, sondern vielmehr die Tatsache, dass der Körper nicht mehr funktioniert bzw. die Symptome des „Nicht-Funktionierens“, „Anders-Funktionieres“ sowie die Art und Weise, wie die Medizin oder der Körper versucht, das Gleichgewicht wieder herzustellen. Schaut man sich den Körper an, empfinde ich diesen als ein kleines Wunderwerk der Natur, dessen Funktionieren oftmals als selbstverständlich angesehen wird. Dabei bedarf es manchmal nur Kleinigkeiten, um das ganze System aus dem Gleichgewicht zu bringen. Und genau an dem Punkt fängt mein Interesse an. Warum funktioniert der Körper nicht mehr und was kann getan werden, um dem Menschen zu helfen?

Oliver Sacks war ein britischer Neurologe, der  auch als Schriftsteller tätig war, leider ist er dieses Jahr verstorben. In seinen Büchern geht er auf seine eigenen Fälle ein, bezieht aber auch Fälle seiner Kollegen mit ein. Es handelt sich um klassische populärwissenschaftliche Literatur. Mitunter geht er schon ziemlich ins medizinische Detail, aber insgesamt lassen sich die Bücher gut lesen. Ok, manchmal wurde mein Englisch schon sehr auf die Probe gestellt, weil ich die Fachwörter dann doch nicht kenne. Daher habe ich das Buch nicht mit dem Anspruch gelesen, jedes Detail zu verstehen, sondern mir waren die Zusammenhänge wichtig. Das Buch gibt es natürlich auch auf Deutsch (Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte).

Das Buch gliedert sich in vier Teile:

Losses

Excesses

Transports

The World of the Simple

In jedem Teil werden unterschiedliche Fälle aus dem Fundus von Oliver Sacks vorgestellt, die zu dieser Überschrift passen. Wenn ich ehrlich bin, hat mich jeder dieser Fälle fasziniert. Aber zwei Geschichten haben mich besonders bewegt, wobei, eigentlich drei.

Twins (Zwillinge)

Die Kurzgeschichte Twins findet ihr in dem letzten Teil, The World of the Simple. Und wenn ich ehrlich bin, hat mich dieses Kapitel am meisten bewegt. Ich glaube, weil ich mich nie wirklich mit diesem Thema befasst habe und mit jeder Geschichte positiv überrascht worden bin und sie mich berührten. Aber zurück zu den Twins. Die Zwillinge, Michael und John um die es geht, gelten als geistig behindert, haben schwere körperliche Einschränkungen, waren aber trotzdem berühmt: Sie konnten aus dem Stehgreif ein Datum in der Zukunft oder Ereignisse nennen. Doch Oliver Sacks beschäftigte sich intensiver mit den beiden, kratzte nicht nur an der Oberfläche, sondern wollte herausfinden, was die beiden noch mehr ausmachte als diese Fähigkeit. Dabei beschreibt Sacks, wie die beiden miteinander kommunizieren, wie sie in ihrer Zahlen-Welt leben und letztendlich Zahlen leben. Eines Tages beobachtete Sacks, wie die beiden sich sechsstellige Zahlen abwechseln nannten, dabei lächelten und letztendlich miteinander kommunizierten. Zu Hause stellte Sacks fest, dass die beiden sich Primzahlen nannten. Bei der nächsten Gelegenheit machte Sacks mit und wurde Teil des Gesprächs, indem er auch Primzahlen nannten und die beiden ihn mit einbanden. Am Ende nannten die beiden sich 20stellige Primzahlen. Und was noch erstaunlicher war: Beide konnten nicht auf die uns bekannte Weise rechnen, Division oder Multiplikation war ihnen völlig fremd.

Bei einer anderen Gelegenheit fiel eine Streichholzschachtel um und die beiden konnten sofort sagen, wie viele Hölzer herausgefallen waren. Sie nannten „111“, danach noch drei Mal hintereinander 37. Es sind tatsächlich 111 Hölzer herausgefallen und 3×37 ergibt 111. Dieses Rechnen war ihnen aber gar nicht bewusst und Sacks versuchte herausfinden, wie diese beiden Männer mit den Zahlen rechnen konnten. Letztendlich wurden die beiden Zwillinge getrennt, damit sie am „richtigen“ Leben teilnehmen sollten. Und beide verloren ihr Gefühl für Zahlen, hörten danach mit dieser Begabung völlig auf. Sacks beurteilte die Trennung als sehr kritisch, wie so manches, was im Namen der Medizin gemacht worden ist.

Hands

Diese Geschichte ist im ersten Kapitel. Madeleine, ein lebenslanger Pflegefall, wird ins Krankenhaus aufgenommen. Trotz ihrer körperlichen Beeinträchtigungen (spastische Lähmung, Blindheit), war sie eloquent, intelligent und belesen (Hörbüchern sei Dank). Ihre Hände aber waren nie Teil ihres Körpers, sie nahm sie nicht als ihre eigenen Hände war, sie fühlte sie gar nicht. Im Laufe der Zeit machte man ein kleines Experiment und stellte das Essen immer ein bisschen weiter weg, sodass sie sich bewegen musste. Mit der Zeit setzte sie ihre Hände ein und wurde sich ihrer Hände wieder bewusst. Ja, die Hände waren das erste Mal in ihrem Leben ein Teil ihres Körpers.

Passage to India (Frei übersetzt: Eine Reise nach Indien)

Bhagawhandi, ein indisches Mädchen, hatte als Kind einen bösartigen Tumor. Dieser konnte entfernt werden, bildete sich aber im Alter von 18 wieder. Nun war der Tumor inoperabel und somit war sich Bhagawhandi bewusst, dass sie bald sterben musste. Mit zunehmender Größe des Tumors nahmen die Anfälle im Gehirn zu. Ich bin mir nicht sicher, ob es sich um epileptische Anfälle oder leichte Schlaganfälle handelt. Doch diese kleinen Anfälle führten dazu, dass Bhagawhandi träumte. In ihren Träumen kehrte sie nach Indien zurück. Ich sage Träume, weil nicht eindeutig geklärt ist, ob es Erinnerungen sind oder nicht. Mit fortschreitender Krankheit gleitet sie immer häufiger in den Traum-Zustand und wird stets friedlicher, empfindet diese Phasen als sehr angenehm. Mir bleibt vor allem dieses Lächeln in Erinnerung, welches Sacks immer wieder erwähnt und beschreibt. Kurz vor ihrem Tod ist Bhagawhandi nicht mehr ansprechbar, sondern nur noch in diesem Traumzustand – und stets am Lächeln, bis sie stirbt.

Sacks ist in seinen Büchern nicht nur Mediziner, sondern er hinterfragt auch die Medizin und gibt offen zu, wenn er nicht helfen konnte oder sich schlichtweg nicht erklären konnte, warum manche Patienten gewisse Symptome aufweisen. Und genau das schätze ich so sehr an dem Buch. Sacks ist nicht der allwissende Arzt, der seine Position vertritt und in den Patienten ein Studienobjekt sieht. In dem Kapitel The World of the Simple schreibt er voller Respekt von den schwer behinderten Menschen, ohne diese aber zu glorifizieren.

Kurz die Fakten:

Autor: Oliver Sacks

Verlag: Picador

Seiten: 257

Preis: ab 7,99 Euro

Literatur: Eine Anleitung zum Unglücklichsein – Passt perfekt zu mir

Also, nicht das Unglücklichsein, aber so manch eine Verhaltensweise aus diesem Buch ;)

watzlawick-ungluecklichsein-buch

Das Buch ist ein kleines Werk mit Kurzgeschichten von Paul Watzlawick, die ich bestimmt schon drei Mal gelesen habe und ich an manchen Stellen immer noch kichern muss oder ganz schuldbewusst denke „Das kenne ich auch“. Watzlawick ist Kommunikationswissenschaftler, aber auch Psychotherapeut und Autor. In den Kurzgeschichten erzählt Watzlawick von Alltagsituationen und erklärt Verhaltensweisen und dahinterliegende Muster.

Meine persönliche Lieblingsgeschichte ist die Geschichte mit dem Hammer: Ein Mann möchte ein Bild aufhängen, ihm fehlt jedoch der Hammer. Eigentlich kein Problem, denn der Nachbar hat einen Hammer, der Mann braucht also nur nebenan klingeln und höflich drum bitten. Doch dann beginnt das Gedanken-Karussell: Nicht nur hat der Nachbar in letzter Zeit nur noch wenig gegrüßt, ja, eigentlich hat man das Gefühl, dass der Nachbar einen gar nicht mehr mag, einem nur mit Widerwillen diesen Hammer gäbe, obwohl man selbst sofort den Hammer  verleihen würde – was bildet sich der Nachbar überhaupt ein?! Und so stapft der Mann wutentbrannt zum Nachbarn, klingelt an der Tür. Kaum ist diese geöffnet, brüllt er den Nachbar an, er wolle seinen Hammer überhaupt nicht und kehrt schnaubend zurück.

Ja, und als gelegentlicher Pessimist kenne ich die Schwarzmalerei und diese Gedanken tatsächlich auch, sodass ich mich sofort ertappt fühlte. Ok, ich bin noch nicht zu irgendjemanden gegangen und habe ihn aus dem Nichts angebrüllt, aber tatsächlich habe ich meine Laune schon manchmal um ein paar Grad abkühlen lassen, indem ich solche Gedankenspiele durchführte.  Wenn ich dann solche Geschichten lese, wird mir das noch einmal schön vor Augen geführt und kann ich mein eigenes Verhalten kritischer hinterfragen. Außerdem wird der eigene Blick für solche Verhaltensweisen bei anderen Menschen geschärft, sodass ich Situationen besser einschätzen kann.

Die Geschichten sind kurz, stets humorvoll geschrieben, kein erhobener Zeigefinger schwingt vor dem Leser herum. Ich kann das Buch nur sehr empfehlen für eine kurzweilige Unterhaltung, aber auch, um ein wenig über Kommunikation zu lernen und gewisse psychologische Verhaltensweisen erklärt zu bekommen.